Wie politisch ist der Comic? Eine Rückschau auf den Comicsalon Erlangen 2026.
Wie viel Politik steckt im Comic? Sehr viel Politik!
Zu diesem Eindruck konnte auf jeden Fall kommen, wer vom 4. bis 7. Juni den alle zwei Jahre stattfindenden Comicsalon in Erlangen besuchte. Wer den Comicsalon nicht kennt, der stelle sich einfach einen Kirchentag vor, nur etwas (nicht viel!) kleiner und eben: auf Comic! Es gibt einen riesigen Ausstellungs- und Messebereich mit vielen großen und kleinen Verlagen, mit einzelnen Künstlerinnen & Künstlern, mit Initiativen & Interessensvertretungen; zahlreiche praktische Workshops werden organisiert, Happenings und Partys für die Community, inhaltliche Workshops und Gespräche aller Art finden statt und die wichtigen „Hochämter“ der Comic-Gemeinde in Form von Preisverleihungen werden zelebriert. Für vier Tage steht in der Erlanger Innenstadt alles im Zeichen des Comics und Groß und Klein finden sich ein.
Wer es unbedingt darauf anlegte, so wie der Autor dieser Zeilen, der konnte auf dem Comicsalon 2026 von einer politischen Veranstaltung in die nächste schreiten (Terminkollisionen kamen leider vor). Und das war nicht zum ersten Mal so. Vor zwei Jahren gab es in Erlangen reichlich kreativen Input zu den Fragen rund um Krieg und Frieden; Anlass waren unter anderem der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und die Eskalation der Lage im Nahen Osten im Gefolge des Terror-Akts der Hamas vom 7. Oktober 2023. Und auch in den Jahren zuvor, so ein erfahrener Salon-Besucher im Gespräch, spülte die Weltpolitik immer wieder ihre Themen nach Erlangen. Das wundert auch nicht, ist der Comic doch eine Kunstform wie viele andere – auch wenn das hierzulande sich noch nicht so recht herumgesprochen hat – und reagiert somit äußerst sensibel auf das, was in der Welt und mit den Menschen geschieht.
Nicht vorhersehbar war, dass ein Thema auf dem diesjährigen Salon besonders präsent war: die Migration. Während man den Eindruck hat, dass die große Politik die Migration derzeit nur im Sinne von Zahlen (Senkung!), Kontrollen (der Grenzen) und Verschärfung (von Gesetzen) denken kann, machte sich der Comicsalon für die menschliche bzw. biografische Seite des Themas stark. denn hinter jeder Zahl steckt ein Mensch. Und indem man auf diese Menschen schaut, mischt man sich ohne große Worte, aber durchaus mit einem Zeichenstift in der Hand, in das politische Gespräch ein.
Das künstlerisch-journalistische Duo Lisa Frühbeis und Jonas Seufert drückten es bei der Vorstellung ihres Werkes „Schattenleben“ (Reprodukt) folgendermaßen aus: „Wir wollen keine Migrationspolitik machen.“ Es sollten aber schon, so die beiden, die Geschichten jener Menschen erzählt werden, die unter den Folgen restriktiver Migrationspolitik leiden. In ihrem jüngst veröffentlichten Band – der im Rahmen einer begleiteten Ausstellung vorgestellt wurde – versammeln Frühbeis und Seufert in Text und Bild die Geschichten von vier Menschen, die ohne Papiere (übertragen aus dem Französischen „sans papiers“) in Deutschland leben. Es sind Geschichten von Heimatlosigkeit und prekärer Existenz, aber auch von Hoffnung und Stärke. Es sind Geschichten von Menschen, die Opfer von Ausbeutung und Gewalt werden, aber immer auch Menschen mit „agency“, wie man es wissenschaftlich ausdrücken könnte, geblieben sind. Das Duo hat diesen Menschen gut zugehört. Es musste rhetorisch gar nicht weit ausholen, um durch beindruckende biografische Bildergeschichten über das alltägliche Ringen konkreter Menschen am Rande der Gesellschaft selbst politisch zu werden.
Ähnlich die Ausstellung „iceoutcomics“, kuratiert vom Journalisten Lars von Törne. Sie warf einen grafisch wie inhaltlich höchst instruktiven Blick auf die aktuelle Situation von Migrantinnen und Migranten im US-Bundesstaat Minnesota. Diese wurden – und werden – von der US-amerikanischen Einwanderungsbehörde (ICE) regelrecht von der Straße aus verschleppt und in riesige Lager gesteckt. Das brutale Vorgehen der Behördenmitarbeiter rief im vergangenen Winter heftigen zivilen Protest hervor. Eine Gruppe von Comiczeichnerinnen und -zeichnern um die Künstlerin K. Woodland-Maynard veröffentlichte daraufhin in schnellem Tempo und über mehrere Wochen hinweg ihre zahlreichen „#iceoutcomics“ im Internet. Eine Auswahl dieser Streifen war in Erlangen zu sehen, just in jenem Ausstellungsraum, in welchem vor zwei Jahren mit „Wie geht es Dir?“ (Avant) eine ähnliche künstlerische Intervention zu sehen war. Die Ausstellung wurde begleitet von einem Rahmenprogramm, in welchem K. Woodland-Maynard gemeinsam mit zwei Mit-Initiatoren – über Video – auch selbst zu Wort kamen. „Keep it personal“ lautet die Maßgabe des Teams an die beitragenden Künstlerinnen und Künstler. Persönliche Gefühle und Gedanken sollten im Vordergrund stehen, im Vertrauen darauf, dass gerade die persönliche Erfahrungsebene eine in ihrer „Schwachheit“ starke Reaktion auf den Mangel an jeder Mitmenschlichkeit, welche die US-Behörde zur Schau stellt, sein kann. Eine authentische persönliche Mitteilung ist in diesem Falle politisch genug. Die Künstlerinnen und Künstler verstanden ihre Aufgabe „(to) shape how the story is told“. Es sollte also ein Narrativ erzeugt werden, das quasi von unten die Geschichten von konkreten, zu Opfern gemachten Menschen erzählt: ein aufgebrochenes Auto oder eine im Schnee steckende Schaufel. War die Aktion erfolgreich? Konnte die Wirklichkeit verändert werden? Darüber wagten die Initiatorinnen und Initiatoren keine Aussage, denn: An welchem Kriterium würde man den Erfolg einer solchen künstlerischen Intervention überprüfen wollen? Stumm bleiben war auf jeden Fall keine Wahl. Darstellen was ist, ist manchmal schon sehr viel.
Weniger dramatisch, aber ebenso bewegend sind die Geschichten, die Studierende eines von dem Berliner Comic-Künstlers Titus Ackermann geleiteten Hochschulseminars gezeichnet haben. Zu diesem Projekt gab es in Erlangen keine Ausstellung; Titus Ackermann – Mitbegründer des Comic-Magazins Moga Mobo – stellte Auszüge aus den Arbeiten vor und erläuterte Einzelheiten zu seinem universitären Projekt. Ackermann hatte seinen Studierenden die Aufgabe gestellt, Geschichten von Menschen deutsch-türkischer Herkunft zu recherchieren und in Bildergeschichten zu übertragen. Herausgekommen sind einfühlsame Kurzerzählungen, die davon erzählen, wie Menschen mit familiärem Einwanderungshintergrund oft mit der Frage ringen, wohin sie eigentlich gehören. „Heimat und Identität“ – so der Arbeitstitel des Projekts – sind keine festen Größen. Heimat und Identität oder neudeutsch „belonging“ müssen immer wieder neu gesucht und ausgehandelt werden. Die studentischen Arbeiten, die Titus Ackermann auf dem Comicsalon zeigte, konnten grafisch und erzählerisch überzeugen. Aller Voraussicht nach sollen die Comics im Herbst in einer eigenen Ausgabe der Moga Mopo erscheinen.
Auch auf den Büchertischen der ausstellenden Verlage und Künstlerinnen und Künstler konnte – wer die Augen offenhielt – ähnliche Geschichten mit politisch-biografischer Note finden. Sei es die Publikation von Tobi Dahmen und Akram Al Saud über eine Geschichte des Widerstands gegen das syrische Assad-Regime unter dem Titel „Al-Fazia‘ – Das Grauen“ (Carlsen), das ähnlich wie das Projekt von Frühbeis und Seufert einem dokumentarischen Comic-Journalismus verpflichtet ist. Oder der Comic von Roya Soraya „Wind in meinem Kopftuch“ (Carlsen), der Episoden aus der Geschichte von Sorayas aus dem Iran stammenden Familie erzählt; der Comic wurde in Erlangen im Rahmen einer eigenen Ausstellung präsentiert. Die Wanderausstellung des Comicfestivals München unter dem Titel „Demokratie verteidigen“ war im Titel programmatisch ausgerichtet, zeigte aber neben politischen Karikaturen auch verschiedene fiktionale und biografische Arbeiten über konkrete Menschen, die unter der großen Politik leiden. Das großflächige Kunstwerk, das die im Exil lebende Russin Victoria Lomasko im Botanischen Garten vor den Augen der vorbeiströmenden Besucherinnen und Besucher entstehen ließ, thematisierte wiederum das spannungsreiche Wechselspiel zwischen beengender, oft auch Angst machender Wirklichkeit und einer kreativen Vorstellungskraft, die als befreiend erfahren wird.
Bei diesen ausgewählten Eindrücken soll es an dieser Stelle bleiben. In jedem Falle war der Comicsalon Erlangen auch 2026 wieder nahe an der bedrückenden politischen Wirklichkeit dran. Und der Comic hat einmal mehr gezeigt, was er kann: mit künstlerischer Kreativität Geschichten erzählen, um dadurch Augenblicke der poetischen Widerstandskraft in die Welt zu setzen.
#Politik #Migration #Comic
Mit Aktionen wie „ICE Out Comics“ protestieren US-Künstler gegen das Vorgehen der Einwanderungsbehörde. Sie machen Schicksale von Betroffenen anschaulich und werben für Zivilcourage.
Lars von Törne (Der Tagesspiegel)