Wenn wir mit Hannah Arendt auf unsere heutige Zeit blicken, wird ihre fundamentale Warnung greifbar: Der Verlust der Fähigkeit zum universellen Mitgefühl ist das früheste und deutlichste Zeichen einer Kultur, die im Begriff ist, in die Barbarei zu verfallen. Erkennen wir die Zeichen!
Plötzlich war das Mitgefühl in Verruf geraten: „Die fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation ist die Empathie, die Ausnutzung des Mitgefühls.“ Das sagte Elon Musk vor einiger Zeit im Podcast von Joe Rogan. Er habe nicht grundsätzlich etwas gegen Empathie – aber sie könne strategisch ausgenutzt werden. Deswegen solle man genau hinschauen, wem wir mit Mitgefühl begegnen.
Es ist aber nicht nur Elon Musk, der so spricht. Es sind nicht nur die offensichtlichen Faschisten. Auch Menschen, die sich der „Mitte“ zurechnen würden, wollen immer genauer differenzieren, wer in unserer Gesellschaft noch etwas bekommen soll. In Zeiten von Inflation, Dauerkrisen und spürbarer Abstiegsangst schaltet diese Mitte schleichend in den Angriffsmodus.
Arme werden gegen Erwerbstätige ausgespielt, Geflüchtete gegen Einheimische, Kranke gegen Leistungsfähige, Alte gegen Junge. Empathie wird nicht abgeschafft – sie wird rationiert. Sie gilt nicht mehr als universelles Prinzip, sondern als knappe Ressource, die immer selektiver verteilt wird.
Das emotionale Erkalten einer Gesellschaft im Krisenmodus
Was haben wir über ein paar hundert Fälle im Monat diskutiert, in denen Leute nicht zu Terminen beim Arbeitsamt erschienen sind. Niemand hat mit diesen Menschen gesprochen, um mal herauszufinden, welche guten Gründe es vielleicht gegeben haben könnte. Aber diese Fälle wurde zum Maßstab für das gerade erst eingeführte Bürgergeld gemacht und ihretwegen musste das Bürgergeld wieder abgeschafft und vermutlich verfassungswidrige Sanktionen eingeführt werden.
Das sollte uns ein Warnsignal sein. Denn Humanität zeigt sich nicht darin, wie wir den Menschen begegnen, die uns nahestehen, die uns ähnlich sind oder von denen wir einen Nutzen erwarten. Sie zeigt sich darin, wie wir denjenigen begegnen, die fremd sind, unbequem erscheinen oder keine starke Lobby besitzen. Wenn Mitgefühl an Bedingungen geknüpft wird, verwandelt es sich schleichend von einem Menschenrecht in ein Privileg.
Für Friedrich Merz und seine CDU stehen wir alle unter Verdacht, faul und verweichlicht zu sein. Während wir 14 Tage pro Jahr krank feiern, arbeitet der Chinese 996: Von 9 Uhr morgens, bis 9 Uhr abends – an 6 Tagen in der Woche. Da müssen wir mithalten!
Der Sprachwissenschaftler George Lakoff hat sich einmal mit der Frage beschäftigt, warum Konservative einerseits von „Familienwerten“ sprechen und dann diese Familien dem eiskalten Wind des Kapitalismus aussetzen – so wie die Merz-Regierung gerade radikal ein Gesetzespaket nach dem anderen durchpeitscht und fleißig Sozialstandards abreißt, Sicherungssysteme demontiert und gleichzeitig massiv aufrüstet und Überwachung ausweitet.
George Lakoff ist der Meinung, dass dahinter das alte Familienbild liegt: „Vater weiß es am besten!“ Und solange wie unsere Beine unter Friedrich Merz’ Tisch haben, haben wir zu parieren und funktionieren. Wer nicht funktioniert, hat kein Mitleid verdient. Der wird aus der Familie geschmissen. „Du bist nicht mehr mein Sohn!“
Die Verschiebung des Zumutbaren
Wir sollen alle mindestens 40 Stunden in der Woche arbeiten. Teilzeit ist Life-Style-Freizeit. Krank-sein geht nicht mehr. Geh zum Arzt und wenn der dir etwas verschreibt, kostet es jetzt noch mehr.
Schlimmer als arm zu sein, ist dann Ausländer zu sein oder nicht angepasst genug. Deswegen sollen Asylbewerber per Software abgeurteilt werden. Deswegen sollen öffentliche Plätze jetzt automatisiert überwacht werden. Deswegen sollen Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz mehr so werden wie wir es nach der Erfahrung mit Stasi und Gestapo eigentlich nicht mehr wollen: Geheimdienste mit eigenem Zugriffsrecht.
Die SPD schafft es kaum, die schlimmsten Dinge noch zu verhindern und bei einigen war schon ihr Kanzler Olaf Scholz Vorreiter. Ich denke da an die Grenzschließungen.
All das löst keine Probleme – es macht nur unser Leben härter. Aber vor allem das Leben von armen Menschen. Das ist die neue Härte.
CDU und CSU führen einen massiven Klassenkampf von oben. Weil Friedrich Merz sich als strenger Vater sieht, der seiner Familie sagt, wo es lang geht. Weil er mit seinem Neoliberalismus immer noch in den 1990ern steckt. Weil er meint, die AfD zu verhindern, indem er AfD-Politik macht.
George Lakoffs Alternative zum strengen Vater ist das Modell der fürsorglichen Eltern, welches auf Empathie, Kooperation und gegenseitiger Verantwortung basiert. Wenn wir zulassen, dass Mitgefühl an Bedingungen geknüpft wird, verteidigen wir nicht unseren Wohlstand – wir schaffen schleichend unsere eigene Humanität ab. Empathie ist keine knappe Ressource, sondern das unbedingte Fundament der universellen Menschenrechte.
Wir dürfen uns unser Mitgefühl nicht nehmen lassen.