Wie gewünscht mit etwas Hilfe:
In der Verspätung liegt die Kraft
An einem trüben Montagmorgen stand Jens, wie gewohnt auf Gleis 7 des Hauptbahnhofs in Frankfurt. Bewaffnet mit einem Becher lauwarmen Filterkaffees zweifelhafter Herkunft und der resignierten Miene eines Berufspendlers, der die Kapriolen der Deutschen Bahn längst akzeptiert hat wie eine nicht ausheilende Erkältung, wartete er auf den Regionalexpress RE 456, der wie üblich zu spät zu kommen drohte.
Doch an diesem Morgen fiel ihm etwas Merkwürdiges auf. Am anderen Ende des Bahnsteigs näherte sich eine Gruppe von Menschen, die sich in leise geflüsterte Gespräche vertieft hatte. Es war nicht ihre Kleidung, die Jens’ Aufmerksamkeit erregte – die meisten trugen unscheinbare Jacken und Schals – sondern ihr Verhalten. Sie wirkten, nun ja, erfreut. Ja, fast heiter. Und das war in Verbindung mit der Deutschen Bahn eine derart absurde Kombination, dass Jens sich unwillkürlich näherte, um besser hören zu können.
„…wenn wir den RE 204 in Mainz erwischen, obwohl er 13 Minuten Verspätung hat, und dann direkt in den IC 713 wechseln, der garantiert auch nicht pünktlich ist…“, sagte ein Mann mit einem wild gemusterten Schal und einem Grinsen, das eher zu einem Glücksspieler als zu einem Bahnreisenden passte.
„…dann könnten wir tatsächlich den perfekten Grand Slam mit 5 Zügen hinlegen“, ergänzte eine Frau, die ihre Bahncard 100 wie eine Trophäe in der Hand hielt. Die anderen nickten anerkennend.
„Entschuldigen Sie…“, mischte Jens sich ein, unfähig, seine Neugier zurückzuhalten. „Was machen Sie da eigentlich?“
Die Gruppe verstummte abrupt und wandte sich ihm zu. Es war ein Moment, der so viel Spannung enthielt, dass Jens kurz überlegte, ob er gerade versehentlich ein geheimes Treffen von Bahn-Illuminaten enttarnt hatte. Doch dann brach der Mann mit dem Schal in ein Lachen aus.
„Oh, ein potenzieller Novi!“, rief er und klopfte Jens freundschaftlich auf die Schulter. „Wir sind …äh, nennen uns die Grand-Slammer. Bahnfahren ist für uns Transport und Sport, und das Schienennetz der Deutschen Bahn ist unser Spielfeld.“
„Ihr … spielt?“, wiederholte Jens langsam.
„Genau! Der Grand Slam ist unser Ziel. Es ist eine Kunstform: so viele Züge nehmen wie möglich, alle verspätet, aber trotzdem vor der geplanten Ankunftszeit am Ziel sein. Das ist das ultimative Bahnfahrer-Erlebnis! Nur mit Strategie, Nerven aus Stahl und einer Prise Schicksal zu schaffen. Je mehr Züge am Stück mit Verspätung, desto mehr Prestige bringt der Grand Slam.“
„Das klingt wie Wahnsinn…“, murmelte Jens, unsicher, ob er beeindruckt oder alarmiert sein sollte.
„Es ist genialer Wahnsinn“, widersprach die Frau mit der Bahncard 100. „Du siehst in der Verspätung keine Katastrophe mehr, sondern eine Chance. Jede Minute, die ein Zug später einfährt, könnte den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage machen.“
Jens schüttelte den Kopf. „Und was bekommt ihr, wenn ihr diesen … Grand Slam schafft?“
„Das Recht, sich für einen Moment wie der wahre Schockwellenreiter des Schienennetzes zu fühlen“, sagte der Mann mit dem Schal feierlich. „Und natürlich die ungläubigen Blicke der anderen Pendler, wenn du überpünktlich ankommst und trotzdem erklärst, dass deine Züge alle verspätet waren.“
„Unglaublich …“, flüsterte Jens. Aber da war etwas Faszinierendes an der Idee, die Frustration in ein Spiel zu verwandeln.
In diesem Moment fuhr der RE 456 ein – mit einer Verspätung von zehn Minuten. Die Gruppe nickte zufrieden.
„Willst du nicht mitkommen?“, fragte die Frau, und ihre Augen funkelten vor Begeisterung. „Wir haben einen Plan für heute. Es könnte dein erster Grand Slam werden.“
Jens zögerte, sah auf seinen lauwarmen Kaffee, einen Haufen anderer Menschen, deren Hoffnung schon vor Tagen abgefahren war, und den grauen Bahnsteig. Und dann, zum ersten Mal seit Jahren, verspürte er so etwas wie Vorfreude auf eine Bahnfahrt.
„Warum nicht…?“, sagte er und trat mit in den einfahrenden Zug. Der Tag begann zwar mit einer Verspätung, aber vielleicht würde er dennoch früher als erwartet ankommen – als ein Grand-Slammer.
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