Das, was aussieht wie eine Postkarte aus dem letzten Schwedenurlaub, ist ein chirurgischer Eingriff mitten ins Herz einer Beziehung. Kein klassischer Horror, sondern eine radikale Dekonstruktion von Intimität, Macht und kultureller Projektion. Wo Hollywood den Schrecken meist in dunklen Kellern und nächtlichen Wäldern versteckt, wagt Ari Aster einen Gegenentwurf: Wir sehen alles im grellen Tageslicht, ohne jede Rückzugsmöglichkeit. Der Horror liegt in der Sichtbarkeit, in der Unerbittlichkeit des Lichts, das einfach alles aufdeckt.
Ich bin kein typischer Kunde für das Horror-Genre. Eben auch deshalb, weil es so berechenbar den eigenen Mustern folgt, wie ein Tatort am Sonntagabend. Da muss es dann schon mehr als einen Grund für mich geben, einzuschalten. Hier waren es Schweden, das Land das ich schon allein berufsbedingt so viel besser kenne, als etwa Bayern oder Lichtenstein – insbesondere was seine jahreszeitlichen Feierlichkeiten angeht -, und die junge Florence Pugh. Hier noch vor ihrer Aufnahme in das Marvel-Cinematic-Universe.
Im Zentrum steht ihre Dani, eine junge Frau, die nach einem traumatischen familiärem Verlust Halt sucht und gleichzeitig in einer Beziehung feststeckt, die mehr Distanz als Nähe kennt. Partner Christian (Jack Reynor) verkörpert ein männliches Desinteresse, das Zuneigung mit Pflicht verwechselt. Aster inszeniert diese Dynamik aber nicht über plakative Konflikte, sondern eher subtil: in Gesten, Blicken, verschluckten Sätzen. „Wir haben darüber gesprochen…“ Schon bevor der erste rituelle Gesang erklingt, ist klar, dass es hier um viel mehr geht als um Folklore – es geht um das Fundament einer Beziehung, die längst ausgehölt ist von ihrer Routine.
Die Reise in eine abgelegene Kommune, die ihre Feste mit einem radikalen Ernst begeht, öffnet einen Spiegel für Dani. Was von außen wie eine harmlose und idyllische Tradition wirkt, entpuppt sich als rigides System, das Gemeinschaft über das Individuum stellt. Für Dani ist das keine exotische Folklore, sondern eine Herausforderung: Hier begegnet sie etwas, das sie zu Hause nicht findet – einem kollektiven Gefühl, einer Resonanz auf ihren Schmerz.
Oscarpreisträger Jordan Peele, Regisseur von Get Out und Wir, der Asters Film vorab sehen durfte, war voll des Lobes und sagte in einem Gespräch mit Aster für das Horrorfilmmagazin Fangoria, er habe Aster nach dem Screening geschrieben, dass er den wohl idyllischsten Horrorfilm aller Zeiten geschaffen habe. Es gebe ein paar Filme, mit denen man Midsommar vergleichen könne, aber trotzdem sei dieser Film einzigartig. So etwas habe es noch nicht gegeben und alles nach Midsommar müsse mit diesem Film verglichen werden. Midsommar löse The Wicker Man als den Referenzfilm über heidnische Rituale ab, so Peele weiter, und im letzten Akt habe es einige der schrecklich verstörendsten Bilder gegeben, die er jemals in einem Film gesehen habe, mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen.– Jordan Peele with Ari Aster, Entertainment Weekly, 6. Juni 2019 – Wikipedia (DE)
„Midsommar“ ist hart und feministisch, weil der Film die gängigen Opferrollen des Horrors auf den Kopf stellt. Dani wird nicht zum Objekt des männlichen Blicks, sondern zur absoluten Entscheidungsträgerin. Zu einer Figur, die das Geschehen gestaltet, statt es zu erleiden. Der Film entzieht sich damit dem Muster, in dem weibliche Figuren hysterisch, pathologisch oder einfach überflüssig erscheinen. Florence Pugh gibt dieser Erzählung eine körperliche Intensität, die jede Regung sichtbar macht. Ihre Figur ist keine Heldin im klassischen Sinn, sondern ein Spiegel für die Frage: Was bedeutet es, sich aus einer zerstörerischen Dynamik zu lösen – und was bleibt zurück?
Ari Aster erzählt die Geschichte nicht mit Schockmomenten in der Dunkelheit, sondern mit Bildern in überbelichteter Klarheit. Pawel Pogorzelskis Kamera legt darin jedes Detail bloß, als gäbe es überhaupt keine Schatten mehr, in denen wir uns verstecken könnten. Bobby Krlics Musik, mal pastoral, mal dissonant, verstärkt diesen Effekt: Schönheit und Bedrohung verschmelzen.
Politisch brisant wird der Film, weil wir ihn ins Verhältnis setzen können zu den gängigen Genrekonventionen. Während „Midsommar“ weibliche Handlungsmacht ins Zentrum stellt, inszenierten die meisten Mainstream-Horrorfilme Frauen nur als Projektionsflächen für patriarchale Ängste. Trauma wurde dort zu einem Spektakel, das konsumierbar, aber nicht ernst zu nehmen ist. Die Vorstellung, dass weibliche Subjekte passiv bleiben müssen – oder dass ihr Begehren zwangsläufig zerstörerisch ist – war die Regel, an die das Publikum gewöhnt war. Ich auch. Doch „Midsommar“ bricht damit, indem der Film den Blick neu verteilt: Gewalt wird nicht effektvoll inszeniert und ausgestellt, sondern dient als Spiegel einer drastisch verschobenen Ordnung der Macht.
Der Film ist für mich zugleich ein Kommentar auf kulturelle Projektionen. Eine US-amerikanische Gruppe reist in eine fremde Umgebung Nordeuropas und betrachtet diese durch die Linse der Wissenschaft, des Tourismus und der exotischen Neugier. Doch die Rolle der Tourist:innen hält hier nicht. „Midsommar“ zeigt, wie die kolonialen Muster zurückschlagen, wenn das „Andere“ nicht mehr als Studienobjekt, sondern als eigenständige und stärkere Ordnung auftritt. Wer alles nur als Kulisse für die eigene Identität begreift, verliert am Ende fast zwangsläufig die Orientierung. Dem Film wurde kulturelle Aneignung vorgeworfen, insbesondere weil es ein Amerikaner war, der ihn gemacht hat. Insoweit trifft der Vorwurf auch zu. Nur war die Analyse einfach zu kurz.
Gerade in Zeiten von #MeToo war der Film ein Störsignal im Kino. Denn er greift die Diskussion über toxische Beziehungen auf, ohne sie wie ein Aufklärungsdrama zu bebildern. Stattdessen führt er die Zuschauer:innen in einen kulturellen Raum, in dem der Schmerz kollektiviert wird, die Macht verschoben und Rollen neu verteilt werden. Dass dieses Umschreiben natürlich nicht als idyllische Urlaubsfantasie und Emanzipationgeschichte funktioniert, sondern als echte sinnlich und kulturelle Zumutung, auch für das Publikum, macht hier die eigentliche Schärfe aus.
Das ist wirklich alles andere als Trostkino. Mich hat das fasziniert, weil es mich so verstört hat, und es hat mich unendlich verstört, weil es Schönheit nicht von Grausamkeit getrennt hat. Am Ende bleibt ja auch kein einfacher Sieg, sondern eine unendlich alte Frage, die mir immer noch schwer im Magen liegt: Wie kann es Befreiung geben, wenn Gewalt ihr Werkzeug ist? Der Film antwortet nicht mit Klarheit, sondern mit einem Bild, das zugleich triumphierend und unheimlich ist. Genau darin liegt seine Wucht und der Horror.
Warnung: Das ist kein Film für alle! Sie müssen das wirklich sehen wollen um es dann nie wieder zu vergessen. Der Autor ist nicht in der Lage vorherzusagen, was der Film mit ihnen macht!
Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht am 03.10.2025.
In der ZDF-Mediathek
bis 02.11.2025 >>
Inhaltswarnung >>
Der Film enthält Darstellungen von ritueller Gewalt, Suizid und schweren emotionalem Missbrauch. Die grelle Ästhetik, die permanente Helligkeit und die ritualisierte Form der gezeigten Grausamkeiten können stark verstörend wirken. Besonders für Menschen mit Erfahrungen von Verlust, Abhängigkeit oder Missbrauch ist die Konfrontation unter Umständen emotional sehr belastend.
Credits >>
Horror, Drama, USA, Schweden, 2019, FSK: ab 16, Regie: Ari Aster, Drehbuch: Ari Aster, Produktion: Lars Knudsen, Patrik Andersson, Musik: Bobby Krlic, Kamera: Pawel Pogorzelski, Schnitt: Lucian Johnston, Mit: Florence Pugh, Jack Reynor, William Jackson Harper, Vilhelm Blomgren, Will Poulter. Fediverse: @zdf.zdf.social
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